Konzept

Ziel der Konferenz ist es, eine kritische Zwischenbilanz über die auf Basis von Geheimdienstakten der kommunistischen Regime Südost- und Mitteleuropas durchgeführte Forschung zu Randgruppen und Minderheitenfragen zu ziehen und neue Fragen zu ihrem epistemologischen Potential aufzuwerfen. Im Mittelpunkt stehen einerseits die Diskussion methodischer Ansätze und andererseits die damit eng verbundene Frage nach den ethischen Problemen, die die Auswertung und Publikation von Geheimdienstberichten mit sich bringen.

Die Behandlung und das Handeln von Angehörigen verschiedener Minderheitengruppen bzw. „Minderheitensituationen“ und ihr Verhältnis zur jeweiligen „Mehrheit“ sowie zum Staat ermöglichen, in diesem Zusammenhang neue Forschungsperspektiven zu entwickeln.

Mit einem eng auf das Konferenzthema abgestimmten Rahmenprogramm – Podiumsdiskussion, Autorenlesung, Nachwuchs-Workshops – werden zudem gesellschaftspolitische und wissenschaftsrelevante Diskurse zusammengeführt.

Forschungsstand und Relevanz

Die sukzessive, von den politischen Eliten gesteuerte Freigabe der Geheimdienstarchive in den Ländern der ehemaligen sowjetischen Einflusszone eröffnete den verschiedenen Disziplinen der Geistes- und Sozialwissenschaften ein breites Forschungsfeld. Dessen Bearbeitung erfordert jedoch einen nicht immer gelingenden Balanceakt zwischen zeitgeschichtlicher Relevanz, gesellschaftspolitischer Brisanz und persönlichen Schicksalen, wie prominente Beispiele aus dem internationalen und in Deutschland sowie den Ländern Ostmittel- und Südosteuropas verankerten Literaturbereich zeigen. Pétér Esterházy sah sich veranlasst, in seinem 2002 im ungarischen Original erschienenen Roman Verbesserte Ausgabe [1] die eigene Familiengeschichte ein zweites Mal aufarbeiten. Erst zwei Jahre zuvor hatte er den preisgekrönten Roman Harmonia Caelestis [2] veröffentlicht, in dem er die Geschichte seiner aristokratischen Familie und des Landes mit den Methoden der Postmoderne aufarbeitete erzählt, jedoch noch ohne zu wissen, dass sein Vater jahrzehntelang ein inoffizieller Mitarbeiter des ungarischen Geheimdienstes war.

Wie stark die europäischen Regionen durch literarische Transferprozesse, aber auch durch die Migrationsbewegungen des „Jahrhunderts der Vertreibungen“, der Flucht und der Aussiedlung auch über den Eisernen Vorhang und die Berliner Mauer hinweg verflochten waren, zeigt der „Fall Pastior“. Als 2010 bekannt wurde, dass der aus Rumänien stammende Oskar Pastior, Büchner-Preisträger und enger Freund der Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller, für den rumänischen Geheimdienst tätig war, bekam die Debatte um die Größe der Entscheidungs- und Handlungsspielräume im Zwangssystem eines totalitären Regimes eine neue Dynamik. Im Zentrum stand erneut die Frage nach der individuellen Schuld, wenngleich die Antwort darauf nun keineswegs mehr so eindeutig ausfiel wie zuvor: Die in den ersten Jahren nach der Wende von 1989/1990 als gegeben angesehene, diskursive Grenze zwischen Tätern und Opfern begann allmählich aufzubrechen. Vor allem in autobiographisch angelegten Textsorten – sowohl in der Literatur als auch im wissenschaftlichen Kontext – wird jedoch nach wie vor an einem dichotomisch erzählten Schema festgehalten.

Dies zeigt sich auch im Falle des rumäniendeutschen Autors Eginald Schlattner, der in seinem Roman Rote Handschuhe [3] versuchte, die von ihm unter enormen Druck in Securitate-Haft getätigten Aussagen im Rahmen eines großen, gegen Teile der deutschen Minderheit gerichteten politischen Prozesses in den 1950er-Jahren differenziert zu beschreiben. Der im Jahr 2000 erschienene Roman provozierte im deutschen Sprachraum und in Rumänien eine kritische Debatte, in der sich die Zuweisung einzelner Personen in Täter- und Opfergruppen paradigmatisch widerspiegelt und bis heute tradiert wird.

Wie diese durch das literarische Schaffen der Protagonisten und die sich anschließenden Diskurse einer breiten Öffentlichkeit bekannten Beispiele zeigen, ist der Umgang mit den Geheimdienstakten der kommunistischen Periode in den Ländern Südosteuropas und Mitteleuropas nach wie vor von Unsicherheiten geprägt. Die Berichterstattung in den Medien nimmt hierbei eine besonderen Stellenwert ein, da nicht ausreichend fundierte Forschungsergebnisse zur nachhaltigen Brandmarkung einzelner Personen und Personengruppen genutzt werden können. Die Ursachen dieser Problematik sind im Rahmen der Veranstaltung näher zu diskutieren.

Auf institutioneller Seite (Archive, Gedächtnisinstitutionen etc.) sind vor allem die Bereiche der politischen Elitenkontinuität in Bezug auf individuelle Forschungsvorhaben, die mangelnder Rezeption neuer Methoden und die oft persönlich motivierte Interessenlage der auf das Quellenmaterial Zugreifenden zu thematisieren. Es ist jedoch zu erwähnen, dass trotz des widrigen politischen Umfelds bereits starke Impulse für eine umfassende und zeitgemäße Erforschung des Themenfeldes gesetzt wurden, so beispielsweise von Mitarbeitern der rumänischen Behörde zur Aufarbeitung der Geheimdienstakten (Consiliul Național pentru Studierea Arhivelor Securității/CNSAS) oder in der Debatte über die neu eingerichtete „Nationalen Gedächtnis-Kommission“ (Nemzeti Emlékezet Bizottsága/NEB) in Ungarn. Auf Basis dieser vorläufigen Feststellungen bietet sich der Vergleich mit der Forschungssituation zur DDR und im Speziellen der mit der Arbeit der als beispielgebend angesehenen Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (BStU) an.

Konferenzkonzept und Rahmenveranstaltungen

Die von 28. bis 30. April in den Räumlichkeiten des Instituts für deutsche Literatur der HU Berlin ausgerichtete, interdisziplinäre Konferenz wird in einem ersten Schritt eine Zwischenbilanz zur bisher erfolgten einschlägigen Forschung ziehen. In einem weiteren Schritt soll ein Forum geboten werden, über neue methodische Ansätze zu diskutieren.

Ein Fokus liegt dabei auf Rand- und Minderheitengruppen in den Ländern des Donau-Karpatenraums und im Vergleich mit der DDR und anderen ehemals kommunistisch geprägten Ländern Südost- und Mitteleuropas. Dabei soll der bisherige, durch die oben dargelegte Situation naheliegende Schwerpunkt auf ethnische abzugrenzenden Gruppen und ihren Vertretern rezipiert und auf andere Minderheitensituationen ausgedehnt werden: Es werden konfessionelle Gruppen ebenso berücksichtigt wie Abweichungen vom ideologisch und gesellschaftlich gebotenen „Mainstream“, beispielsweise (sub-)kulturelle und ideologische Devianz oder sexuelle Orientierung. Deutschsprachige Minderheiten im Donau-Karpatenraum bieten in diesem Zusammenhang ein besonders aussagekräftiges Medium für ein tertium comparationis, da ihre spezifische Situation während und nach den Flucht- und Abwanderungsbewegungen als zwei- bis dreigeteilte Gesellschaften (Herkunftsland, BRD, DDR) die Beobachtung von Transferprozessen und Verflechtungssituationen in besonderem Maße ermöglicht.

Die Geheimdienstakte als Quelle wird mithilfe einer methodisch-historischen Kontextualisierung sowie für die Fragestellung repräsentativer Beispiele auf ihren Aussage- und in der Folge Erkenntniswert hin befragt. Die Akte wird dabei nicht als faktisch normativer Text betrachtet, sondern als Produkt einer komplexen, aus der Berichtssituation heraus entstandenen Gemengelage von individuellen Interessen und hierarchischen Konstellationen, institutionellen Kontexten, ideologisch dominanten Diskursen und kontingenten Ereignissen. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, die Aussagekraft der Geheimdienstakten kritisch zu beurteilen und Möglichkeiten zu prüfen, das (vermeintlich) gewonnene Wissen abzusichern und in der Folge wissenschaftlich vertretbar zu machen.

Um diesen Fragen adäquat zu begegnen, werden Formen der methodischen Triangulation sowie interdisziplinäre Ansätze vorgestellt und ihre Produktivität für kultur-, geistes- und sozialwissenschaftliche Disziplinen diskutiert. Um fortgeschrittenen Studenten und Nachwuchswissenschaftlern das Potenzial, aber auch die Problematik der Geheimdienstakten als Quelle zugänglich zu machen, schließen sich an die Konferenz mehrere Workshops an, in deren Rahmen der Austausch mit erfahrenen Forschern ermöglicht wird.

Viele ethische Fragen, die sich der Wissenschaft stellen, haben sich als von allgemeiner gesellschaftlicher Relevanz erwiesen. Ein uneingeschränkter und unkontrollierter Umgang mit dem Wissen der Akten kann im besten Falle Karrieren beschädigen, im schlimmsten Existenzen zerstören. Auf der anderen Seite erscheint es als höchst problematisch, unter dem Vorwand, Personen vor der Willkür eines öffentlichen Schuld- und Beschuldigungs-Diskurses zu schützen, relevante Informationen zurückzuhalten. Bei einer im Rahmen der Konferenz veranstalteten Podiumsdiskussion sollen Vertreter und Vertreterinnen aus Wissenschaft, Gedächtnisinstitutionen, Journalismus und Kultur zu den im diesem Rahmen aufgeworfenen Fragen Stellung nehmen. Eine Autorenlesung soll sich auf künstlerischer Ebene mit dem Thema befassen. <>

[1] Pétér Esterházy: Javított kiadás – melléklet a Harmonia caelestishez, 2002; deutsche Erstausgabe: Verbesserte Ausgabe. Berlin Verlag. Berlin 2003.

[2] Ders.: Harmonia caelestis, 2000; deutsche Erstausgabe: Harmonia Caelestis. Berlin Verlag. Berlin 2001.

[3] Eginald Schlattner: Rote Handschuhe. Paul Zsolnay Verlag. Wien 2000.

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